Aus Anlass zu den letzten Bürgerschaftswahlen für die Hanse- und Universitätsstadt wurde für „Die Linke“ das Werbeplakat betitelt: „Damit Rostock Rostock bleibt“. Dieser Wahlspruch gibt Anregung für einen Diskurs über Rostock, dessen Stadtgesellschaft und über Vielfalt städtischen Lebens. Diese Veranstaltung folgt dem Charaktereiner politischen Philosophie, die im Programm der 5. Rostocker Philosophischen Tage aufgenommen wurde. Das Leitthema dieses philosophischen Events heißt:
„Rostock – Stadtleben – Erlebnis Stadt.“
Was macht eine Stadt (wie Rostock) schön, attraktiv und erlebenswert?
Gesprächsangebot und Diskussion zielen darauf, Rostock als Stadt in seinem aktuellen Erleben und Erfahren kritisch aufzunehmen und den Titel des Plakates zu hinterfragen. Folgende Fragestellungen könnten zum Gedankenaustausch und zur Aufhellung beitragen:
Das Plakat zu den Bürgerschaftswahlen 2024 ist Anstoß (Anlass), die aktuelle politisch, kommunikativeLandschaft in der Rostocker Stadtgesellschaft und deren Verschiedenartigkeit zu thematisieren und in einen aktuellen Diskurs zu stellen. Der Text gibt viel Raum für Vages und Spekulatives. Doch er ist es Wert, in der Deutung und Interpretation aufgehellt zu werden.
Für den gemeinschaftlichen Diskurs wird hier eine Vorlage bereitgestellt. Sie hat die Funktion einer gedanklich-geistigen und ggf. auch politischen, ggf. auch emotionalen Reibfläche.
Der folgende Diskussionsbeitrag zielt auf zwei grundlegende Fragen, die bereits oben im Titel erkennbar sind:
Was ist, kann unter „Damit Rostock Rostock bleibt!“ verstanden werden?
Wem gehört die Stadt Rostock?
Beide Fragen werden in einen inhaltlichen, wertebestimmten, politischen Zusammenhang gebracht. Diesen Zusammenhang geht es aufzuhellen.2 Alternative Interpretationen stehen im Denkraum, die es zu hinterfragen und hinsichtlich des Wertes abzuklären gilt.
Der Diskurs wird begleitet durch das Aufstellen von teilweise sich widersprechenden Überlegungen, die den Gedankenaustausch befeuern soll. Das Aufstellen von These und Antithese wird die Diskussionsfreudigkeit erhöhen.
Rostock als Stadt ist eine Persönlichkeit. Als solche trägt sie alle Merkmale städtischen Seins. In jedem Stadtsein verbirgt sich eine Lebendigkeit, die Menschen in dieser Stadt der Stadt geben, weil sie in und mit ihr leben – wohnen und arbeiten; sie gestalten nach deren Bedürfnissen. Dieses Tun macht die lebendig, verleiht ihr ein Eigenleben, eine eigene Geschichte von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine Stadt hat ihre Kompetenzen, ihre eigenen Stärken und Schwächen.
Das macht eine Stadt menschlich. Insofern hat sie eine eigene Biografie, eine eigene Lebensgeschichte, in bzw. mit ihr sich ihre Persönlichkeit mit ihrer unverwechselbaren Individualität zeigt. Ihr Dasein ist im Wesen ein Leben wie die eines Menschen und ist als solche mit ihm vergleichbar.
Stadt ist nicht Stadt, sondern Stadt ist Stadtgesellschaft. Nur der Mensch in seiner Gemeinschaft macht Stadt zur Stadt. Die Stadtgesellschaft ist die personifizierte, strukturell-historisch geronnene Stadt. Eine Stadt ohne Menschen ist keine Stadt. Die Betrachtung einer Stadt auf ihre Artefakte, d. h. eine Sicht allein auf ihre Architektur, bildet eine Stadt nur halbherzig ab. Rostock allein auf eine Stadtgesellschaft zu reduzieren und sie derart zu vermenschlichen, würde dem Wesen einer Stadt auch nicht gerecht werden.
Eine Stadt erfährt ihre Individualität in ihrer Bebauung, Architektur, nicht durch den Menschen, die im Grunde alle gleich aussehen. Es sind die Menschen, die die Stadt bauen und ihr das entsprechende ästhetische Profil geben; doch sie sind nicht das Wesen einer Stadt. Stadtgesellschaft ist nicht Stadt, sondern lediglich ein fluider Teil von ihr. Die Einzigartigkeit einer Stadt steckt in ihrer Geschichte, in ihrem gewordenen Sein – und das durch das Wirken der Stadtgesellschaft.
Zurück zum Plakat mit der Beschriftung „Damit Rostock Rostock bleibt!“. Dieser Slogan liest sich interessant und fragwürdig zugleich. Es sich lohnt demnach, ihn in den Diskurs über Rostock aufzunehmen.
Mir sind die Hintergründe dieser Text-Idee nicht bekannt. Viel mehr stellt sich die Frage, welche Deutung diesem Text unterlegt oder gar unterstellt werden kann. Wie werden Texte auf einem Werbeplakat von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen – und vor allem diese Botschaft?
Meine Gedanken hierzu sind persönlicher Natur und sollen Anregung zur Fragestellung geben:
Was kann (soll) heißen: „Damit Rostock Rostock bleibt!“?
Ist Rostock als Stadt und Stadtgesellschaft in Gefahr? · Droht es zu zerfallen?
Ist Rostock dabei, seine Identität, seinen Charakter zu verlieren?
Wie lässt sich dieser Plakat-Spruch deuten?
Die Wertdopplung „Rostock“ verleiht der Botschaft Nachdrücklichkeit, Rostock nicht in seiner gegenwärtigen Identität annehmen zu wollen. Es kann heißen: „Was Rostock ist, soll Rostock bleiben!“ Es wird auf seine Bewahrung aufmerksam gemacht, wofür es sich lohnt, als Rostockerinnen und Rostocker einzustehen. Etwas soll an (in, mit) Rostock bewahrt, aufgehoben, gesichert, – und damit unveränderlich bleiben bzw. sein?
Bewahren oder auch Aufbewahren von etwas zielt auf Kontinuität und Tradition. Steht das im Vordergrund? Soll alles so bleiben, wie es ist? – Ist es wirklich immer das Beste, wenn alles so bleibt, wie es ist? Was ist dann nach welchem Verständnis das Beste für Rostock bzw. für die Rostockerinnen und Rostocker?
Als Hanse- und Universitätsstadt ist Rostock eine Stadt mit einer über 800jährigen Geschichte, eng verbunden mit der Geschichte der Hanse und der Universitätsgründung im Jahre 1419 – auch als „Leuchte des Nordens“ bekannt. Lange Zeit war sie die einzige Universität im Ostseeraum, deren Geschichte sich bis heute widerspiegelt. Tradition und Innovation sind die gelebten Kernwerte der Rostocker Universität.
Das Bewahren und Verändern ist das, was G. W. F. Hegel (1770-1831) in seiner Wissenschaft der Logik mit seinem dialektischen Begriff der Negation herausstellt. Die dreifache Bedeutung des Negationsbegriffs ist nicht zu unterschätzen und nimmt im Dialektikverständnis einen zentralen Platz ein: Erstens. Es ist der erfahrbare Unterschied zu etwas anderem. Es ist das, was das eine von dem anderen trennt. Zweitens. Es ist das bereits angesprochen Aufheben im Sinne eines Bewahrens, des Erhaltens. Und drittens. Es ist die Negation der Negation. Es ist die bereits
genannte Bedeutung des Aufhebens i. S. des Aufgehobenseins, eines Hebens auf eine neue, höhere Stufe der Entwicklung (des Werdens, der Veränderung)3 auf der Grundlage von Bestehendem.
Es ist für mich kaum vorstellbar, dass die Ideengeber*innen für dieses Plakat an das Hegelsche Aufheben i. S. von Bewahren als das Beibehaltens gedacht haben, das als eine Stufe der Entwicklung zu betrachten ist. Es sei ihnen dennoch der Hegelsche, dialektisch bestimmte Interpretationsversuche unterstellt und in diesem Sinne weitergedacht.
Wenn die Text-Idee auf dem Plakat Position, Negation und Negation der Negation verinnerlicht, so ist das ein tragfähiger Gedanke. Dieses Bewahren von Hegel schließt das Verändern mit ein, weil es im Kontext der Entwicklung stets die erste Stufe einer Veränderung ist, weil jedes Bewahren i. S. der Dialektik den Keim, die Quelle der Veränderung, der Entwicklung in sich trägt.
Es bedarf der philosophischen Kunst, aus ihr die Dialektik herauszulesen. Doch wer trägt als Bürgerin und Bürger von Rostock jenes dialektische Wissen über die Entwicklung per se mit sich und vermag eine perfekte Interpretation i. S. der Hegelschen Dialektik herzustellen?
Da die Hegelsche Dialektik den Begriff des Unterschiedes und des Gegensatzes in sich trägt, ist es legitim, auch nach dem verborgenen Gegensatz in der Deutung des Plakat-Werbespruchs zu fragen:
Ist es das verborgene Konservative, das die Entwicklungsfähigkeit von Rostock als Stadt und Stadtgesellschaft in Frage stellt?
Soll Rostock Rostock bleiben, d. h. so, wie es ist?
M. E. wohl kaum! Die Dinge des Lebens – und auch die Stadt Rostock – die in steter Veränderung begriffen ist.
Rostock ist dabei, ein neues Stadtentwicklungskonzept zu kreieren zugleich mit der Absicht, die Stadtgesellschaft mitzunehmen. Rostock beteiligt sich über das bundesweite Projekt „Smile City Rostock“ seine Digitalisierung breit aufzustellen und mit ihm den Anstoß zugeben, die Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürgern nachhaltig zu verbessern. Auch hier geht es um aktive Teilhabe der Stadtgesellschaft. Das ist initiierte Entwicklung des Städtischen und der Stadtgesellschaft, die Veränderung in Stadt und Mensch bringt.
Es ist auch das, was Rostock in seinem Wesen nicht verändert. Rostock wird dennoch als Rostock erkennbar bleiben, weil seine Geschichte unwiderruflich ist. Standtort und Historie, die Mentalität und Gewohnheiten der Bewohnerinnen und Bewohner werden bleiben.
Angesichts der aktuellen gesellschaftlich-politischen Entwicklung bedeutet das Festhaltenam Bisherigen oder gar die Rückführung bisheriger Fortschritte eine Gefahr des politisch Konservativen. Die Partei „Alternative für Deutschland“ schreibt politische Ziele aus, die mit der dialektischen Position, die immer das Bewahren im Sinne der Negation in sich trägt, nichts zu tun hat. Sie rauben Fortschritt und im Sinne des Bewahrens menschlicher Humanität.
Das Erhalten i. S. des Politisch-Konservativen bedeutet nicht Bewahren i. S. der Dialektik, sondern Rückschritt statt Fortschritt. Es ist das Festhalten am, das Bewahrens des Alten, das kein Potenzial des dynamischen Fortschritts von Demokratie und Gesellschaft in sich trägt. Jede Konstruktion verfällt in Destruktion. Jenes konservative Bleiben bedeutet Zerstörung in jeglicher Hinsicht.
Die Politik ist beraten, die Dialektik der Negation der Negation in ihrer Praxis zu verinnerlichen. Das gilt auch für das praktisch-alltägliche Denken, in ihm eine Portion Dialektik einfließen zu lassen, auch wenn diese nicht in die menschliche Wiege des Alltagsdenkens gelegt wurde. In vielem mangelt es an dialektischem Verständnis im Denken und Handeln. Sie ist nicht aus dem Bauch heraus zu machen.
Wenn zu unterstellen ist, dass der Text auf dem Plakat auch seinen Gegensatz in sich trägt, so besteht die Gefahr einer Fehldeutung und des Textmissbrauchs. Dann ist eine Kritik berechtigt. Deshalb ist zu fragen:
Lässt sich, wenn ja wie, jenes Bleiben auf dem Plakat i. S. der Dialektik auflösen?
Das Denken und Deuten in »Schwarz – Weiß«, »Entweder – Oder« ist gefährlich, undialektisch. Gepaart mit akausalen Denkoptionen bewegen wir uns schnell in den Bereich des politischen Populismus. Die Komplexität der Lebenswirklichkeit ist schwerlich, wenn gar nicht, auf Plakaten abbildbar. Insofern ist die Verantwortung groß, die richtig Worte für passende Botschaften und Bedeutungen zu finden, um dem Wesen einer Sache, eines Leitgedankens so gerecht zu werden, dass Fehlinterpretationen vermeidbar sind.
Es ist vor allem die junge Generation, die auf Veränderung setzt. Die Bedürfnisse derer ist groß, Veränderungen in ihrem Sinne herbeizuführen.
Tut sich hier vielleicht ein Generationskonflikt zwischen Jung und Alt auf, der ernst zu nehmen ist?4
Junge Menschen haben ihr ganzes Leben vor sich. Sie streben nach Veränderung. Menschen, die ihr Leben zum großen Teil gelebt haben, suchen eher das Bewahrende, Stabile, Beständige, verbunden mit Sicherheit und Geborgenheit. Beiden Lebensgenerationen in Rostock gerecht zu werden, ist die große Kunst kommunaler Politik in Rostock. Für die ältere Generation, für die sich mit der Digitalisierung eine Lebenswelt grundlegend verändert, ist es schwerfällt, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Die jüngere Generation nimmt diesen Wandel mit Leichtigkeit auf und wächst in ihn hinein.
„Damit Rostock Rostock bleibt“ heißt neuinterpretiert, mit seinem Guten und Bewahrenden in die Zukunft zu gehen. Es sollte auch heißen, dass Rostock nicht so bleibt, wie es ist, und in der Moderne sich auf den Weg macht, den städtischen Fortschritt mit nachhaltigen Zukunftsaussichten zu füllen. Ich sehe die aufstrebende Jugend in der Pflicht, der älteren Generation zu helfen und sie zu unterstützen, was vielfach auch schon passiert. Damit Rostock Rostock bleibt, gehören Alt und Jung zusammen.
Persönlichkeiten und Identitäten sind nicht starr, sondern befinden sich in steter Veränderung.
Löst sich eine Persönlichkeit auf, wenn sie sich über die Jahre verändert? Wie verhalten sich Persönlichkeiten im Spiegel der Dialektik von Identität und Entwicklung?
Persönlichkeit tragen beides in sich. Sie sind bestimmt durch Identität und Veränderung in sich. Menschen behalten ihren Namen (ihre persönliche Identitätsnummer) mit dem Altern und den äußerlichen Veränderungen im menschlichen Erscheinungsbild.
Rostock ist Rostock und bleibt es als Stadt in ihrer Identität, in dem Bewahren des Alten, im Bestehen des Gegenwärtigen und in dem Wollen von Zukunft und Entwicklung.
Vier Aspekte sollen Leitfaden für eine methodische Denkhilfe sein, Stadt und Stadtleben philosophisch zu entdecken und zu beschreiben.
Eine Stadt in ihren Merkmalen zu beschreiben, was sie ausmacht, ist wenig beschwerlich. Wir wissen, dass Stadt nicht gleich Stadt und in verschiedenen Merkmalen beschreibbar ist…
Eine Gästeführung aus philosophischer Perspektive
Keine Stadt lässt es sich nehmen, ihre guten und schönen Seiten, aus altstädtischer Vergangenheit, in moderner Gegenwart und mit Zukunftsaussichten darzustellen.
THESEN – zusammengefasst aus dem Manuskript des Buches zu den 5. Rostocker Philosophischen Tagen
Ästhetik – das Schöne in einer Subjekt-Objekt-Beziehung
Schönheit bzw. schön ist eine Eigenschaft einer bestehenden Beziehung, die sich zwischen Subjekt (Mensch) und Objekt (Gegenstand, Artefakt) platziert…